Nazischädel, NVA-Jacken, Küsse und Runenklänge

Die Band Death in June tritt halbwegs heimlich in Sachsens Hauptstadt auf

erschienen am 19.12.2011 in der Freien Presse ( Von Tim Hofmann )

Dresden. Wie viele Nazis erkennt man noch am Musikgeschmack? Mag sein, da sind Fans dieser Rechtsrock-Bands aus Fernseh-Reportagen, die auf Geheimkonzerten üble Texte brüllen und jämmerlich schlechten Punkrock schrammeln. 100.000 NPD-Wähler gibt es in Sachsen- nur ein sehr geringer Teil davon dürfte diese Klänge wirklich antun.

Der gemeine Nazi-Sympathisant hört mit Sicherheit also einfach dort mit, wo die breite Masse sich vergnügt. Und wer tiefer will, findet in Subkulturen diesbezüglich eine Grauzone. Bei André E. etwa, verhafteter Nazi-Terrorverdächtiger aus Zwickau, klebte auf der Autoheckscheibe der Schriftzug der Schweizer Pagan-Metaller Eluveitie, die keltische Folklore mit Rock kreuzen: Die Band ist weit weniger verdächtig als die Böhsen Onkelz, bietet aber wie diese kompatibles Flair. Auch in der Gothic-Szene gibt es Gruppen, die sich in einer eigenen Blase eingerichtet haben, wo kunstvoll Grenzen verwischt werden, um sich dem Diktat üblicher Gesellschafts-Stereotypen zu entziehen. Bilderbuch-Beispiel ist die britische Band Death in June, die am Freitagabend in Dresden konzertierte. Und zwar halbwegs geheim: Keine Abendkasse, Karten nur auf Internet-Vorbestellung, der Veranstaltungsort kam per SMS. Doch es war nur die Reithalle – der übliche Ort für Gothic-Events.

Meinung offen

Death in June ist seit 30 Jahren eine Schlüsselband des Neofolk – einer Spielart, die experimentelle Ambientklänge mit leisen Akustikgitarren, Naturliebe mit dem Reiz der Runen zusammenbringt. Die Gruppe gilt als Kult, ihr zwiespältiges Image macht sie geheimnisvoll. Da gibt es wohltönende, pro-europäische Szene-Hits, aber auch viele historischen Konjunktiv und indizierte Platten wie „Rose Clouds Of Holocaust“. Die Band spielt krude mit Nazi-Symbolen, lässt aber permanent offen, was sie meint – der Hörer kommt nicht umhin, sich allein seine Gedanken zu machen. Ein windschief abgewandelter SS-Totenkopf ist Teil der Bühnendeko. Kann, wer sowas aufhängt, Nicht-Nazi sein? Daneben die Regenbogenfahne der internationalen Schwulen-Bewegung. Kann, wer wie Bandkopf Douglas Pearce seit Jahren offensiv seine Homosexualität bekennt, Nazi sein? Im Publikum finden sich Männerpärchen, die zu den Neofolk-Klängen küssen und kuscheln. Auch Fetisch-Fans sind da: Eine weitere Leidenschaft von Pearce, der stets in österreichischer Tarnkleidung auftritt. Nazis finden Uniformen gut, aber klappt der Umkehrschluss? In Dresden überwogen NVA-Jacken. Death in June spielte packend gut, ebenso wie die dem linken Punk-Umfeld abstammende Band Sonne Hagal, die deutsch und englisch Wiesen, Felder und vorchristliche Kultur besang. Die Österreicher Jännerwein wirkten davor mit Hemd und Hosenträgern schon eher „kameradschaftlich“ – und musizierten: Jämmerlich.

Zweifelsfall Kopf

Ein Nazi-Konzert? Um das sagen zu können, müsste man den Zuhörern vom Rasta-Mann bis zur Chef-Sekretärin einzeln in den Kopf schauen. Ein dezent gekleideter Nazi wäre nicht aufgefallen – und hätte sich im Zweifelsfall so wenig unwohl gefühlt wie bei den Bayreuther Festspielen. Nur: Ist man schon Nazi, wenn man Wagner so mag wie Hitler das tat? Andererseits: Auch SA-Chef Ernst Röhm, für den Douglas Pearce sich so brennend interessiert, war ganz offen schwul – und trotzdem ein brutaler Nazi-Schläger …