Schlapphüte schweigen, Rassisten rocken Landtagspolitiker beklagen Pannen bei Ermittlungen zum Terror-Trio.

Ein Geheimdienstbericht nennt Namen weiterer Helfer.

Von Uwe Kuhr und Jens Eumann

Dresden – Je mehr Informationen über Helfer der Terrorzelle bekannt werden, je öfter sächsische Orte wie Chemnitz, Johanngeorgenstadt, Lauter und Aue dabei eine Rolle spielen, desto schweigsamer wird Sachsens Landesamt für Verfassungsschutz. Diesen Eindruck hat nicht nur die Opposition im Landtag. Selbst im schwarz-gelben Regierungslager wächst der Unmut.

„Stück aus dem Tollhaus“

Observierungsfotos vom ersten Chemnitzer Unterschlupf in der Bernhardstraße, Beschattung von Kontaktpersonen des Jenaer Neonazi-Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, abgehörte Telefonate – aber kein Zugriff. Angesichts immer neuer Pannen, die das Bundesamt für Verfassungsschutz jetzt in einem geheimen Bericht aufgelistet hat, spricht Kerstin Köditz, Rechtsextremismus-Expertin der Linksfraktion im Landtag, von einem „Stück aus dem Tollhaus“. Dazu gehöre auch, dass der angeblich geheime Bericht unter dem Titel „Das Desaster von Chemnitz“ vom Magazin „Spiegel“ schon zitiert werde, ehe er in Sachsen der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) überhaupt vorliegt.

PKK-Chef fordert Transparenz

Wenn die Kommission morgen erneut in Dresden tagt, hat sich ihr Vorsitzender Günther Schneider (CDU) eine Liste von Fragen zurechtgelegt. „Wir wollen Antworten und Zugang zu allen relevanten Informationsquellen einschließlich dieses Geheimberichts“, fordert der Jurist. Die Pannen reichen bis ins Jahr 1998 zurück, als das Trio untertauchte, zunächst in der Wohnung des Verdächtigen Max-Florian B., damals Freund der ebenfalls Verdächtigen Mandy S. Deren Name nutzte Beate Zschäpe später als Tarnidentität. Bisher sei nur bekannt, dass sächsische Verfassungsschützer und Polizei auf Initiative Thüringer Behörden observiert hätten, so Schneider. Eigenständige Recherchen gab es allem Anschein nach nicht.

Für die Abgeordnete Köditz haben Sachsens Verfassungsschutz und LKA Fehler gemacht, ohne die die Verbrechensserie von zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und 14 Banküberfällen, die man dem Trio zuschreibt, hätte verhindert werden können. „Die gesamte Ausrichtung des Amtes“ stimme nicht, wenn das Chemnitzer Umfeld des Netzwerkes ausgeblendet wurde – besonders die rassistische Musikbewegung „Blood and Honour“, in deren Kreisen sich das Trio bewegte.

Auf illegalen Konzerten soll Mandy S. erst Kontakt zum Trio bekommen haben. Auch die im Geheimdienstbericht auftauchende Antje P., die sich ebenfalls erboten haben soll, Zschäpe ihren Pass zu Verfügung zu stellen, stand der rechtsextremen Musik-Szene nahe. Ihr Mann betrieb ein Geschäft mit Neonazi-Bedarfsartikeln in Aue sowie einen Versandhandel.

Aus dem Dunstkreis des Veranstalters der illegalen „Blood-and-Honour“-Konzerte, „Chemnitz Concerts 88″, wobei 88 im Szenejargon „Heil Hitler“ bedeutet, stammt auch Jan W. Nach Auskunft eines V-Manns soll er das Trio im Untergrund versorgt und angeboten haben, ihm Waffen zu beschaffen.

W. stellte damals einen Dreh- und Angelpunkt der rechten Musikszene dar. Seine Firma „Movement Records“ produzierte im Jahr 2000 das verbotene Album „Ran an den Feind“ der Gruppe Landser. Unter rassistischen Rockgruppen nimmt diese einen besonderen Platz ein. Sie war die erste Band, die ob ihrer volksverhetzenden, gewaltverherrlichenden Texte als kriminelle Vereinigung eingestuft und verboten wurde. Allein das „Afrika-Lied“ von einem frühen indizierten Landser-Album tauchte damals in mehreren Strafprozessen gegen rechtsextreme Gewalttäter als Motiv auf. Mit der Musik hatte sich etwa jenes Skinhead-Trio in Rage gebracht, das im Juni 2000 in Dessau den Mosambikaner Alberto A. totschlug. Auch die Täter, die 1999 im brandenburgischen Guben den algerischen Flüchtling Farid G. zu Tode hetzten, hatten sich zuvor mit der Landser-CD „Republik der Strolche“ beschallt. Erstmals erkannte die Justiz scharfsinnig rassistische Musik, konkret „den Ungeist des Afrika-Liedes“, als Ansporn für rechtsextreme Gewalt. Im gleichen Jahr besorgte der Chemnitzer Musiklabelbetreiber Jan W. den Landser-Musikern Flugtickets nach London. Dank seiner Kontakte zur englischen „Blood-and-Honour“-Szene organisierte er dort ein Aufnahmestudio. Anschließend vertrieb er die illegale CD über konspirative Wege in Deutschland. 2005 wurde er dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Vertriebsweg Zwickau

Einer der Vertriebswege übrigens verlief wohl über Zwickau, konkret über den Sänger der ehemaligen „Blood-and-Honour“-Band „Westsachsengesocks“, Ralf M. Der betrieb den „Last Resort Shop“ in der Zwickauer Innenstadt, der alles bot, was das Neonazi-Herz begehrt. Inzwischen hat sich Ralf M. aus der Region verabschiedet. Sein Laden wird unter neuem Namen von anderen Betreibern weitergeführt. Im Laden gab es nach Auskunft des Personals bereits vor Auffliegen der Terrorzelle ein T-Shirt mit dem rosaroten Panther samt Schriftzug „Staatsfeind“ zu kaufen – also noch bevor das Video mit der Zeichentrickfigur bekannt wurde, mit dem sich die Terrorzelle zu den sogenannten Döner-Morden bekannte. Ralf M. soll sich inzwischen in der Schweiz aufhalten. Dort wurde vermutlich die Mordserien-Tatwaffe erworben.

Publikation Freie Presse
Lokalausgabe Chemnitzer Zeitung
Erscheinungstag Mittwoch, den 04. Januar 2012
Seite 5